Twittern auf dem Hudson River

Spätestens seit sich herumgesprochen hat, dass “Twittern” nichts Anstößiges, sondern eine aufstrebende Form des “Microbloggings” ist, begann die Debatte, inwiefern diese Art des “Mitmach-Journalismus” etablierten Nachrichtenagenturen und klassischen Medien zu nahe kommen könnte. Die gestrige Notlandung eines Passagierflugzeuges im Hudson River bot trotz des eigentlich traurigen Anlasses eine gute Gelegenheit, genau diese Hypothese näher zu beleuchten: Nur wenige Minuten nachdem die Maschine auf dem Wasser aufsetzte und bevor das Fernsehen (z.B. CNN) davon Wind bekam, postete ein Twitter-User ein Bild der Unglücksstelle von seinem iPhone auf der Plattform. In nur zwei Minuten erhöhte sich die Zahl einschlägiger Tweeds (also Twitter-Meldungen) um ein Vielfaches, wie man über die Twitter-Suche schnell feststellte. Eine bald unüberschaubare Flut von Nachrichten brach aus und man kam mit dem Lesen nicht mehr hinterher. 

Welche Lehre ist nun aus einem solchen Ereignis zu ziehen? Ist man mit Twitter letztlich besser informiert, als über unsere Tagesthemen, Spiegel Online, NTV oder wie die klassischen Nachrichtenmedien heißen mögen? Ich würde mich wohl höchstens zu einem “Ja, mit Einschränkungen” hinreißen lassen. Ja, weil der Dienst in Sekundenschnelle durch die riesige Menge an beteiligten Personen Infos zusammentragen kann, die Redaktionen nicht so schnell verfassen können. Nein, weil nach einer recht kurzen Zeit die Tweeds – wie oben angemerkt – ein so hohes Volumen erreichen, dass sie nicht einmal mehr alle gesichtet werden können. Twitter wird wohl aufgrund der blitzschnellen Verbreitung im Web in Zukunft aktueller sein als Reuters & Co., aber: Nur die wenigstens Bürger werden wohl über Twitter an sich auf bestimmte Neuigkeiten aufmerksam. An die 99,9% werden dagegen im Fernsehen von den zugrundeliegenden Geschehnissen hören, weil sie entweder keinen Internetzugang haben bzw. ihnen Twitter unbekannt ist. Weiterhin ist das “Twittern” vorwiegend ein Phänomen in Industrienationen wie den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und einigen anderen Ländern. Zwar scheinen sich auch aus ärmeren Ländern immer mehr Leute auf der Plattform einzufinden, doch wird der Aktualitätsgrad nicht annähernd so hoch sein, wie dies beim Zwischenfall auf dem Hudson der Fall war.

Twitter wurde bei seinem Start im Jahre 2006 von vielen belächelt und als “verkrüppelte” Form des sich zu diesem Zeitpunkt etablierten Bloggens angesehen. Spätestens seit 2007 geht die Nutzerzahl des Web 2.0-Dienstes jedoch steil nach oben und so finden sich nicht nur politische Größen wie der künftige US-Präsident, sondern auch einige Zeitungsverlage (siehe hier oder hier) dort wieder. Twitter als das neue Medium in der Nachrichtenwelt? Nicht ganz. Wegen Twitter werden die Journalisten bestimmt nicht um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen. Es mag als Quelle für Meldungen in manchen Fällen geeignet sein, doch letzten Endes finden sich auf der Webseite (abgesehen von Tweeds der Zeitungen selber) nur einzelne Nachrichten, deren Bedeutung im Gesamtzusammenhang nicht ohne weiteres eingeschätzt werden kann (eine hitzige Diskussion entstand rund um diesen Blogeintrag von  Loic Le Meur). Solche “Informationsbruchstücke” zu einem Ganzen zusammenzufügen und quasi die Rolle eines kritischen “Aggregators” einzunehmen, wird vermutlich noch länger die Aufgabe ausgebildeter Redakteure bleiben.

Weitersagen:
  • Digg
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • FriendFeed

Tags: , ,

Freitag, Januar 16th, 2009 Web 2.0

Noch keine Kommentare.

Einen Kommentar hinterlassen

Suche

Loading

Kalender

März 2010
M D M D F S S
« Feb «-»  
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

Community

Already a member?
Login
Einloggen:
Letzte Besucher