Wer ChatGPT eine brauchbare Aufgabe stellen kann, gilt schnell als kompetent im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. In Fortbildungen werden Prompt-Formeln vermittelt, Schülerinnen und Schüler vergleichen die Ergebnisse verschiedener Chatbots und Lehrkräfte probieren aus, wie sich Arbeitsblätter in wenigen Minuten erstellen lassen. Das ist nützlich – aber es greift zu kurz.

Denn einen Chatbot bedienen zu können bedeutet noch lange nicht, seine Antworten beurteilen, seinen Einfluss erkennen oder seinen Einsatz verantworten zu können. Genau an dieser Stelle setzt der neue KI-Kompetenzrahmen an, den die Europäische Kommission und die OECD im Juni 2026 für die Primar- und Sekundarstufe veröffentlicht haben.1

19 Kompetenzen statt einer Sammlung von Tools

Der Rahmen beschreibt 19 Kompetenzen in vier Bereichen: mit KI umgehen, mit KI gestalten, KI steuern und KI mitgestalten. Im englischen Original heißen diese Bereiche Engage with AI, Create with AI, Manage AI und Shape AI.

Diese Einteilung ist bemerkenswert, weil sie nicht bei der Anwendung stehen bleibt. Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, wo KI ihren Alltag beeinflusst, Ergebnisse kritisch prüfen und gesellschaftliche Folgen beurteilen. Sie sollen KI kreativ einsetzen, aber die Kontrolle über den eigenen Arbeitsprozess behalten. Und sie sollen entscheiden können, welche Aufgaben sinnvoll an eine KI übertragen werden – und welche gerade nicht.

Am Ende steht sogar die Fähigkeit, KI-Systeme zu untersuchen und über ihre Verbesserung nachzudenken. Schülerinnen und Schüler werden damit nicht nur als Nutzer betrachtet, sondern als Menschen, die technische Entwicklungen mitgestalten können.

Die wichtigste Kompetenz ist Urteilskraft

Besonders überzeugend ist für mich ein Gedanke: Das Ergebnis einer KI soll nicht einfach übernommen werden. Schülerinnen und Schüler sollen entscheiden können, ob es akzeptiert, überarbeitet oder vollständig verworfen werden muss.

Genau das unterscheidet kompetente Nutzung vom bloßen Konsum. Eine sprachlich perfekte Antwort kann sachlich falsch sein. Eine überzeugende Zusammenfassung kann wichtige Perspektiven unterschlagen. Eine scheinbar neutrale Empfehlung kann Vorurteile aus den Trainingsdaten fortsetzen. Wer nur gelernt hat, bessere Prompts zu schreiben, erkennt diese Probleme nicht automatisch.

KI-Kompetenz umfasst deshalb auch Quellenprüfung, Fachwissen, ethische Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft, einer plausibel klingenden Antwort zu widersprechen. Das sind keine neuen Bildungsziele. Neu ist lediglich der technische Kontext, in dem sie benötigt werden.

Was das für den Unterricht bedeutet

Der Rahmen verlangt kein neues Schulfach „Prompting“. Die Kompetenzen lassen sich in nahezu jedem Fach aufgreifen. Im Deutschunterricht können Schülerinnen und Schüler KI-Texte auf Perspektive, Sprache und Auslassungen untersuchen. In Geschichte lässt sich vergleichen, wie ein Chatbot dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellt. In Wirtschaft können KI-generierte Empfehlungen auf Interessen, Datenbasis und mögliche Verzerrungen geprüft werden.

Auch die Frage, wann KI gar nicht eingesetzt werden sollte, gehört in den Unterricht. Wer jeden Denkprozess an ein Werkzeug delegiert, lernt nicht automatisch effizienter. Manchmal unterstützt KI das Lernen, manchmal umgeht sie es. Diese Unterscheidung müssen Schülerinnen und Schüler treffen können.

Dabei sollte sich Unterricht nicht zu stark an einzelne Produkte binden. Das heute populäre Werkzeug kann morgen bereits ersetzt sein. Die Fähigkeit, eine Antwort zu prüfen, eine Aufgabe sinnvoll aufzuteilen und Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen, bleibt hingegen bestehen.

Mehr als digitale Bedienkompetenz

Der neue Rahmen liefert Schulen keine fertige Umsetzung und nimmt ihnen die didaktische Arbeit nicht ab. Er bietet aber eine hilfreiche Orientierung: KI-Bildung darf nicht auf Toolkunde reduziert werden. Sie muss technisches Verständnis, praktisches Handeln und kritische Reflexion miteinander verbinden.

Meine Einschätzung: Die entscheidende Frage lautet künftig nicht, ob Schülerinnen und Schüler KI benutzen können. Das tun viele längst. Entscheidend ist, ob sie erkennen, wann ihnen ein KI-System hilft, wann es sie beeinflusst und wann sie besser selbst denken sollten. Prompten ist dafür ein Anfang – aber eben nur ein Anfang.

Footnotes

  1. OECD / Europäische Union (2026): Empowering Learners for the Age of AI: An AI Literacy Framework for Primary and Secondary Education. Der Rahmen umfasst 19 Kompetenzen in den Bereichen Engage, Create, Manage und Shape AI. oecd.org